Anna Meyer
Weltensauger
16.01. - 27.02.2010
Mit
ihren neuen Gemälden entwirft Anna Meyer ein dystopisches, wenn nicht
apodiktisches Bild der Großstadt und ihrer Bewohner. Mit
„Facebookmonument“ - die Bildkomposition suggeriert eine räumliche Nähe
zum Marx Engels-Forum am Berliner Alexanderplatz - findet Anna Meyer
ein treffendes Bild für die auch architektonische Überformung alter
Gesellschaftsordnungen und die tiefgreifenden Transformationen, die
auch die Städte erfasst haben: Der technikgläubige kapitale Markt und
ihre User zeigen sich im schrill-buntem Gewand und decken alles zu. Die
zwischen überdimensionierten Werbeflächen der großen Konzerne
umherwandelnden Berufsjugendlichen in ihren Bildern führt sie dabei als
ferngesteuerte, ich-bezogene Betonköpfe vor. Deren künstliche,
computergenerierte Netzwerke können nicht anders als „assozial“
beschrieben werden. Von ehemals sozialistischer Symbolpolitik getragene
Repräsentationsarchitekturen wie die Berliner Karl Marx Buchhandlung
oder das Café International und ihre durch den gesellschaftlichen Umbau
überflüssig gewordene Identität, zeigen durch Anna Meyers malerische
Umwidmungen in „Carl Mac-Buchhandlung“ oder „Café Internetionale“ eine
neue Form der Zeitgenossenschaft - durch ihre Anpassung an die
vermeintlichen Bedürfnisse im Medienmarkt der Gegenwart. „Dr. Molochs
Bobotown“ mit seinen it-Places und Shoppingmalls unterscheidet sich in
nichts mehr von anderen Cities, vom Großunternehmertum
interessegeleitet und routiniert CO2-ausstößig. Eine neue Zeit kündigt
sich an, denn der Welten Zeit ist abgelaufen: Die Weltzeituhr erscheint
im neuen Look des Global Player ohne Zeit und rechtes Maß, die neue
„Timemachine“ fragt nach Produktivkräften und Leistungsträgern.
Anna
Meyer enttarnt die Verheißungen und Glücksversprechen der Metropole,
die Glückssuche und Lebensentwürfe ihrer BewohnerInnen wie auch die
Zukunftvisionen bzw. den Fortschrittsglauben, die sich in
städtebaulichen Veränderungen manifestieren, als Auswüchse einer
zunehmend durchkapitalisierten Gesellschaft - ohne zu moralisieren. Sie
zeigt einen alles überformenden und gleich machenden Anpassungswillen:
am Normalen und Gängigen orientiert (Facebook, Fastfood, Coca Cola,
Litfass, Billboard) bringt Anna Meyer mit ihren Bildern engagiert das
Extreme darin auf den Punkt. Sie gleicht darin Jörg Fauser, Teil der
Subkultur Berlins und ihres radikalreformistischen Großstadtblues,
dessen unruhige Texte dazu beitrugen „klarzustellen, in welcher Art von
Welt wir leben“ (und dessen gesammelte journalistische Arbeiten „Der
Strand der Städte“ erstmals 2008 im Alexander Verlag in Berlin
erschienen sind).
Die atmosphärische Unruhe in Fausers Texten
ist auch den Gemälden von Anna Meyer zu eigen. Trotz ihres
entschiedenen Duktus und den klaren Farben und Formgebungen steigen die
Motive in den Gemälden Anna Meyers gleich einer Fata Morgana aus den
Bildern heraus, zeigen sich hier als flüchtige Großstadterscheinungen
im Dunst des Konsumgedröhns.
In ihren Bilderzyklen des vergangenen
Jahres hatte Anna Meyer noch die Verlierer der Globalisierung gezeigt,
die ihre letzten Habseligkeiten auf informellen Märkten zum Kauf
anbieten oder Menschen, die die Klimakatastrophe am eigenen Leib
erfahren und mit nichts mehr als dem eigenen Leben davonkommen. Anna
Meyer inszenierte diese Menschen nicht als Opfer, sondern als stumme
Zeugen einer ökonomischen und ökologischen Krise. In ihren neuen
Arbeiten erscheinen die Figuren überzeichnet, fast persifliert - aber
ohne sie lächerlich zu machen oder ein überzeichnet-zynisches Bild von
ihnen zu geben. Vielmehr scheinen sie unbeirrt ihrer eigenen Auflösung
entgegenzuschreiten. Darin liegt das Beunruhigende in der anarchischen
Malerei Anna Meyers.
Maren Lübbke-Tidow 2009
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Galerie.
Installation Shot Anna Meyer "Weltensauger" Antje Wachs Gallery, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs
English version
In her new paintings Anna Meyer creates a
dystopian, if not apodictic, image of the city and its inhabitants. In
"Facebookmonument", the composition suggests a spatial proximity to
the Marx-Engels-Forum at Berlin Alexanderplatz - Anna Meyer finds a felicitous
image for the architectural reshaping of old social orders and the profound
transformations that have affected many cities: the technology minded capital
market is reflected in a shrill-colored robe covering everything. The professional
teenagers in the paintings wandering around between oversized advertising
spaces of big corporations, presented as remote-controlled, self-centered
pigheads. Its artificial, computer generated networks cannot be described other
than as ‘asocial’. Representational architectures of former socialist politics
of symbolism such as the Karl Marx Bookstore or the Café International in
Berlin, and their social identity becoming superfluous through its
reconstruction, shows itself in Anna Meyers picturesque transfers in Carl Mac
bookstore or Café Internetionale - a new form of contemporaneity -- through
their adaptation to the perceived needs of the media market today. "Dr.
Moloch Bobotown" with its it-places and shopping malls differs in nothing
from other cities, led by big business and routinely CO2 outbursts. A new time
announces itself, because the time of the World has expired: The World Clock
appears in the new look of a global player who has neither time nor an adequate
measurement, the new Time Machine inquires into productive forces and high
performer.
Anna Meyer unmasked the promises of happiness
of the metropolitan area, the search for luck and the lifestyles of its
inhabitants as well as the visions of the future or the belief in progress, which
manifests itself in urban change, as sprawl of an increasingly capitalized
society - without moralizing. She shows an all reshaping and equalizing will
for adjustment: to be geared on the normal and the usual (Facebook, Fast Food,
Coca Cola, Litfass Pillars, Billboard), Anna Meyer sums up the extreme in a
very engaged way. It resembles Jörg Fauser, part of the subculture of Berlin
and its radical reformist big city blues, whose restless texts helped
"clarify in what kind of world we live in" (and whose collected
journalist works "Der Strand der Städte" were published for the first
time in 2008 at Alexander Verlag Berlin).
The atmospheric unrest of Fauser’s texts is
also embraced in the paintings of Anna Meyer. Despite its strong flow and the
bright colors and shapes, the motifs in her paintings rise like a Fata Morgana
out of the pictures and present itself as a volatile city appearance in the
haze of consumer noisiness.
In her series of paintings from past year, Anna
Meyer had even shown the losers of globalization bringing their last
possessions to informal markets or people, who have experienced the climate
change at first hand getting away with nothing more than their own lives. Anna
Meyer didn’t stage these people as victims, but as silent witnesses of the
economic and environmental crisis. In her new works, the figures seem
exaggerated, almost satirized - but without making them look ridiculous or
drawing an oversubscribed cynical image of them. Instead, they seem to
undeviatingly approach their own dissolution. This is the disturbing fact at
the root of Anna Meyer’s anarchic paintings.
For further information please contact the gallery.
Checkpoint Chartie, Oil on Canvas, 170x180cm, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs
Weltensauger, Oil on Canvas, 155x170cm, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs
Global Drink, Oil on Aluminium, 34x37cm, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs
Engel können fliegen, weil sie sich leicht nehmen, Oil on Aluminium, 30x41cm, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs
Karl Mac Buchhandlung, Oil on Aluminium, 30x50cm, 2009. Courtesy Anna Meyer, Galerie Krobath Wien/Berlin, Galerie Antje Wachs